Interview mit Florian Bauer
1. Was zeichnet für Sie eine gelungene Putzfassade aus?
Für mich ist eine gute Putzfassade ein Zusammenspiel aus Präzision und Ausdruck. Sie schützt das Gebäude, strukturiert den Baukörper und vermittelt zugleich eine subtile Atmosphäre. Sie ist die äußerste Hülle, wie die Haut unseres Körpers. Ruhig, beschützend und doch voller Ausdruck. Sowohl visuelle, als auch haptische Eigenschaften sind ausschlaggebend für dieses erste Erscheinungsbild und Charakter eines Baus. Entscheidend ist, dass Material, Farbe und Oberflächenstruktur im Einklang mit der Architektur selbst, ihrer Umgebung und dem Licht stehen. Wie so oft sind es gerade die kleinen Details, feine Abstimmungen und die Liebe zum Material, die am Ende den großen Unterschied machen.
2. Wie stark kann eine Putzfassade Emotion erzeugen?
Die Wirkung von Putz lässt sich – wie auch bei anderen Materialien – gezielt steuern: von einer nahezu entmaterialisierten Erscheinung bis hin zu einer sehr ausdrucksstarken Präsenz. Putz lenkt das Licht, bildet Schatten, erzeugt Stimmungen und verleiht einem Gebäude einen unverwechselbaren Charakter. Er altert mit dem Gebäude, feine Spuren der Zeit legen sich wie eine Patina auf den Putz, verschmilzt mit ihm und macht das Gebäude lebendig. Jede Oberfläche erzählt ihre eigene Geschichte – vom Handwerk, der Architektur über die Zeit, in der sie entstanden ist, bis hin zu den Jahren die sie schon existiert und Wind und Wetter ausgesetzt war. So entsteht eine unmittelbare, emotionale Verbindung zwischen Mensch und Bauwerk.
3. Welche Qualitäten bringt Putz mit, die andere Materialien nicht bieten?
Putz ist bemerkenswert wandelbar. Er erlaubt feine Details, sanfte Übergänge und überraschende Oberflächenstrukturen. Diese Verbindung aus Widerstandsfähigkeit und sinnlicher Wirkung findet man bei wenigen anderen Materialien. Gleichzeitig lässt sich Putz in Farbe, Haptik und Form präzise und vergleichsweise einfach auf die architektonische Idee abstimmen und modellieren. Er wirkt über Nuancen, feine Texturen und minimale Unterschiede in der Oberfläche.
4. Haben Sie persönliche Favoriten bei Farbe und Struktur?
Ja – ich bevorzuge natürliche, zurückhaltende Töne wie warme Beigetöne, sanfte Graunuancen oder helle Sandnuancen, die sich harmonisch in die Umgebung einfügen und den Charakter des Gebäudes unterstreichen. Bei der Oberflächenstruktur schätze ich die Vielfalt, die Putz ermöglicht. So setze ich leicht gebrochene, grobkörnige Putze ein, die subtil mit Licht und Schatten spielen – wie bei unserem Projekt „Weingartenhaus“, wo sich die Textur des Hauses in die Landschaft einbettet. Gleichzeitig kann ein feinkörniger Kalkputz mit weichen Kanten eine Selbstverständlichkeit und Vertrautheit vermitteln, wie bei unserem Bauvorhaben „HÄUSL“, einer sensiblen Sanierung und einem Zubau an ein 200 Jahre altes Bauernhaus. Durch die bewusste Auswahl von Farbe und Struktur entsteht so ein Zusammenspiel aus Material, Licht und Atmosphäre, das den architektonischen Ausdruck präzise unterstützt.
6. Ein Lieblingsprojekt zum Thema Putz
Als erstes fällt mir das Kolumba Museum von Peter Zumthor ein. Besonders beeindruckend ist, wie das Streiflicht auf den samtigen Innenputz trifft und eine – ja fast schon magische – Atmosphäre erzeugt. Trotzdem wirkt die Oberfläche nicht spektakulär, sondern zurückhaltend und präzise. Und gerade deswegen entfaltet er hier seine besondere Präsenz – ruhig und selbstverständlich. Dieses Projekt zeigt eindrücklich, dass Putz weit mehr ist als ein rein funktionales Material: Er kann Räume stimmungsvoll prägen, Sinnlichkeit erzeugen und den Charakter eines Ortes maßgeblich bestimmen.


